Autor: sekretariat

  • Regenerativer Aktivismus

    Erklärtext 🙂

    Regeneration erklären.

    Unterschiedliche Aspekte:

    • individuell, Gruppe, Bewegung
    • Task – Process – Relationship
    • Prävention, Intervention, Nachsorge
    • Robust, resilient, transformativ

  • Out of Action – Emotional First Aid

    … über traumatisierende Folgen von Polizei- (und anderer) Gewalt und wie wir da wieder rauskommen

    Ein kleiner Ratgeber zur Begleitung von politischem Aktivismus, insbesondere zum Umgang mit belastenden Erlebnissen vor, während und nach einer Aktion

    Out of Action“ macht Traumasupport, Traumaaufklärung und Traumaprävention. Von Aktivist_innen für Aktivist_innen, rund um mehrere Städte Deutschlands.

    Dieser Text stammt von ihnen. Als pdf ist er auch hier abrufbar.

    Worum geht es?

    Wer politisch aktiv ist, kann in Situationen kommen, in denen repressive Gewalt gegen eine*n selbst oder gegen nahe stehende Menschen ausgeübt wird. Erlebnisse, wie die direkte Gewalt der Bullen auf Demos, die Konfrontation mit Nazis oder die Verfolgung durch den Verfassungsschutz, können Angst, Perspektivlosigkeit, Stress und Zerrissenheit auslösen. Solche Angriffe können auf emotionaler Ebene wesentlich länger nachwirken, als sichtbare körperliche Wunden.

    Nicht jede Gewalterfahrung führt zu einer längerfristigen Belastung oder gar einem Trauma. Dabei spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Es ist sehr unterschiedlich wie mensch mit solchen Erfahrungen von Repression und Gewalt umgeht – da sind Grenzen und Verhalten so individuell wie der Mensch selbst. Mit unterschiedlichen Reaktionen auf das Erfahrene braucht es einen solidarischen Umgang, der auf die jeweiligen Bedürfnisse der betroffenen Person eingeht.

    Ist dies nicht gegeben, z.B. wenn es tabuisiert wird über Ängste zu sprechen, dann ziehen sich die Betroffenen oft aus ihrem politischen und persönlichen Umfeld zurück.

    Dabei ist es das Ziel von Repression und Gewalt, Menschen langfristig einzuschüchtern und ihnen ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber staatlicher Herrschaft zu vermitteln. Ein guter Umgang mit Ängsten und anderen Emotionen, sollte Teil eines jeden linksradikalen Selbstverständnisses sein.
    Im Prinzip kann jede belastende Situation in der eine Person handlungsunfähig ist (oder sich so fühlt) zu einer Traumatisierung führen. Durch einen Mangel an Unterstützung können die Reaktionen auf eine belastende Situation verstärkt werden. Das kann oft schwerwiegender sein, als das Erlebte selbst und ist daher äußerst ernst zu nehmen.

    Folgen von Repression, auch die emotionalen, sind keine Privatsache. Sie gehen uns alle an und gemeinsam können wir ihnen etwas entgegensetzen.

    Mögliche Reaktionen auf belastende Situationen

    Wiedererleben des Erlebten
    Nicht in der Lage sein, aufreibende Bilder und Erinnerungen beiseite zu legen; Flashbacks (das Gefühl, wieder in der erlebten Situation zu sein); Albträume

    Vermeidungs-/ Verdrängungsverhalten
    Erhöhter Alkohol/Drogenkonsum; sich zurückziehen und isolieren; soziale Aktivitäten reduzieren; Erinnerungsverlust; Vermeidung von allem, was mit dem Erlebten zu tun hat oder einen daran erinnert; Aufbau einer Distanz zu dem Geschehenen; Veränderung von Ess- und Schlaf- sowie von sexuellen Gewohnheiten

    Übererregbarkeit
    Schlaflosigkeit; Unruhe, Gefühls- und Wutausbrüche; Konzentrationsschwierigkeiten; Schreckhaftigkeit; Reizbarkeit; Ärger; unkontrolliertes Weinen; Magenschmerzen; Übelkeit; Muskelspannung; Furcht; Ängstlichkeit; übertriebene Wachsamkeit

    Kommen kann es auch zu

    • Panikattacken; Schuldgefühlen; Scham; Selbstbeschuldigung
    • Keine Freude am Leben haben; sich allein/ verlassen, taub oder abgeschaltet fühlen; Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen
    • Das Infrage stellen von politischem Engagement und zwischenmenschlichen Beziehungen
    • Gefühl, dass das Leben keinen Wert/Sinn mehr hat
    • Möglichem Hochkommen von Erinnerungen an vorhergehende Traumata; nicht daran glauben, dass diese Phase jemals vorbei gehen wird; keine Pläne für die Zukunft machen

    Manchmal tauchen die Reaktionen auch erst viel später auf (Wochen oder sogar Jahre nach dem Ereignis). Durch unser Verhalten können wir uns und andere bei der Verarbeitung von solchen Erfahrungen unterstützen. Ein Ziel ist dabei, die belastende Situation in das Leben der Betroffenen zu integrieren – denn sie kann die Person verändern und nicht ungeschehen gemacht werden. Menschen reagieren jedoch sehr unterschiedlich auf ein belastendes Erlebnis.

    Was ihr als Gruppe tun könnt

    • Redet VOR einer Aktion darüber, wie gut oder schlecht ihr euch gerade fühlt und wo eure Grenzen sind. Werdet euch darüber einig, von wem ihr in unvorhergesehenen Situationen Unterstützung erwartet – auch wenn ihr plötzlich „raus“ wollt und eine Menschen braucht, der bei euch bleibt. Bildet Bezugsgruppen und passt aufeinander auf!
    • Nehmt euch Zeit, um nach einer Aktion darüber zu reden, was passiert ist. Gebt allen, die von euch dabei waren und darüber reden möchten, Raum um zu erzählen wo sie waren, was sie gemacht, gesehen, gehört und was sie dabei gefühlt/gedacht haben. So kann mensch die Geschichte vervollständigen und besser verstehen.
    • Nicht nur verletzte Menschen brauchen Unterstützung, auch Unterstützer*innen sollten auf ihre Bedürfnisse und Grenzen achten und entlastet werden.

    Wie du deine*n Freund*in unterstützen kannst

    • Warte nicht, bis du um Hilfe gefragt wirst, sondern versuch für sie/ ihn da zu sein. Die Tage direkt nach der belastenden Situation sind besonders wichtig zum Reden, danach wird oft „zugemacht“. Traumatisierte Menschen isolieren sich häufig.
    • Vielleicht fühlst du dich unsicher und weißt nicht, wie du dich verhalten sollst. Um die Reaktionen besser verstehen zu können, informiere dich über das Thema Trauma. Einfach „normal“ sein, ohne zu bemitleiden und ohne aufdringlich zu sein, kann viel helfen. Bemüh dich gleichzeitig den Reaktionen gegenüber tolerant zu sein. Wichtig ist auch, dass dein*e Freund*in sich in deiner Gegenwart wohl und sicher fühlt.
    • Vergiss nicht, dass Menschen nach belastenden Erlebnissen anfangs oft „ok“ erscheinen und die Reaktionen erst später auftreten können.
    • Versuch ein*e gute Zuhörer*in zu sein. Oft tendieren wir dazu Rat zu geben, anstatt wirklich zuzuhören.
    • Erzählen hilft das Erlebte zu verarbeiten. Ermutige dein*e Freund*in behutsam aber ohne Druck, das Erlebte der Reihenfolge nach zu erzählen: Gefühle, Sinneseindrücke, Gedanken, etc …
    • Bohren, d.h. krampfhaft versuchen, die Person dazu zu bringen über etwas zu reden, worüber sie nicht reden will, bewirkt Rückzug und Distanzierung.
    • In diesem Kontext empfinden Menschen oft die Erledigung selbst kleiner Aufgaben als sehr schwer. Kochen, Abnehmen von Verantwortlichkeiten etc. können sehr hilfreich sein, aber achte darauf ihre*seine Selbstbestimmung nicht einzuschränken.
    • Versuche es nicht persönlich zu nehmen, wenn dein*e Freund*in gereizt reagiert oder unnahbar erscheint und mach deine Unterstützung nicht davon abhängig. Dies sind Reaktionen, die oft nach einer belastenden Situation vorkommen können.
    • Versuche geduldig zu sein. Zu sagen „Jetzt müsstest du aber langsam mal darüber hinweg sein, nimm dein Leben in die Hand“, erreicht meistens nur, dass Menschen sich unverstanden fühlen und Distanz einnehmen.
    • Auch für dich kann diese Zeit sehr schwer sein. Pass auf dich auf und sei gut zu dir. Rede mit anderen darüber, wie es DIR geht.

    Was du für dich selbst tun kannst

    • Sag dir: Deine Reaktionen sind normal und es gibt Unterstützung! Nimm dir Zeit, sei geduldig mit dir und verurteile dich nicht für deine Verfassung. Innere Wunden brauchen ebenso Zeit und Ruhe um zu heilen wie äußere. Dies ist eine schwere Phase, aber sie wird vorbei gehen.
    • Nach einer belastenden Erfahrung: Geh an einen Ort, an dem du dich sicher und wohl fühlst. Versuche dich zu erholen und lass zu, dass sich Menschen um dich kümmern.
    • Bewegung baut Stress ab. Spazieren oder Laufen zur Beruhigung tut manchmal besser als sich hinzusetzen.
    • Versuche dich nicht zu isolieren. Wende dich an deine Freund*innen, denen du vertraust und sag, dass du Unterstützung brauchst.
    • Eine häufige Reaktion ist, dass es dir weh tut, wenn andere damit besser fertig zu werden scheinen als du. Mach dir bewusst, dass Menschen unterschiedlich reagieren.
    • Die Stärke der Reaktionen kann auch mit vorherigen Traumata zusammenhängen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, nach einer Verletzung Schmerzen zu haben.
    • Dich für das Geschehene selbst verantwortlich zu machen, ist eine Reaktion, die mit einem Trauma oft einhergeht. Mach dir klar, dass das Geschehene nicht dein Fehler ist – die Schuld liegt bei den Täter*innen.
    • Familie und Freund*innen wissen oft nicht, wie sie mit dir gut umgehen können. Sprich Sie an, wenn du ihr Verhalten nicht als hilfreich empfindest, sage was du brauchst.
    • Tees, z.B. Baldrian, können beruhigend wirken genauso wie Massagen und heiße Bäder. Versuche herauszufinden was dir gut tut. Alkohol bzw. Drogen können sich langfristig eher negativ auswirken.
    • Um deine Reaktionen besser zu verstehen, informiere dich über das Thema Trauma.
  • Wen meinen wir mit Aktivist*in?

    Als Aktivist*innen bezeichnen wir alle Menschen, die die Welt verbessern wollen und die sich – direkter oder indirekter – für ein gutes Leben für alle einsetzen (möchten).

    Es kann sein, dass du in politischen Gruppen unterwegs bist, Demos organisierst und an Sitzungen gehst. Vielleicht bist du in einem migrationspolitischen Kollektiv aktiv. Oder in einem, welches sich kritisch mit Stadtentwicklung beschäftigt. Oder du hilfst regelmässig bei einem Landwirtschaftsprojekt mit, welches nach den Prinzipien der solidarischen Landwirtschaft funktioniert und jätest und erntest das Gemüse. Vielleicht organisierst du Anlässe für eine Naturschutzorganisation.

    Es kann auch sein, dass du viel zu Hause bist und dich um diejenigen kümmerst, die oben genannte Sachen machen. Oder du verspürst das Bedürfnis, dass du „etwas“ tun könntest, um die Welt zu verbessern, aber du hast keine Energie dafür oder weisst nicht, wo du dich engagieren kannst. Vielleicht hast du momentan kleine Kinder zu Hause und hast vor, später wieder Artikel für eine kapitalismuskritische Zeitschrift zu verfassen.

    Oder vielleicht fühlst du dich in deiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Zustand der Welt und deiner Position darin so überfordert, dass du gar nicht weisst, wo anfangen, um sie besser zu machen. Manchmal bedeutet aktiv sein eben auch, nicht aktiv sein zu können. Zu sich zurückzukehren, ruhig zu werden.

    Es gibt in unseren Augen sehr viele verschiedene Arten und Formen von Aktivismus. Unser Anliegen ist es, dass die Bezeichnung „Aktivist*in“ sehr breit verstanden wird. Wir möchten so offen wie möglich sein – und uns gleichzeitig von gewissen Haltungen und Strömungen abgrenzen. Uns ist das Bewusstsein wichtig, dass nicht alle Menschen dieselben Voraussetzungen haben, um sich aktiv an der Gestaltung unserer Gesellschaft zu beteiligen.

    Wir möchten gemeinsam üben, eine Sensibilität für unterschiedliche Perspektiven und Privilegien zu entwickeln z.B. bezüglich Geschlecht, Alter, Rassismuserfahrung, geographischer und familiärer Herkunft, sozio-ökonomischer Schicht, Bildungsweg, finanzielle Verhältnisse, Aufenthaltsstatus, Zeitsouveränität, Sozialisation, Bedürfnisse, Zu- und Abneigungen, Lebensweisen, Familienverhältnissen, Wohnort, Lebensrealitäten, physische und psychische Gesundheit und Diversität. Auch die Perspektive von anders-als-menschlichen Wesen (Tiere, Pflanzen, Ökosysteme, Landschaften, Flüsse, etc.) soll in unseren Überlegungen und Auseinandersetzungen Platz finden. Wir möchten gemeinsam ver_lernen und uns dabei unterstützen, lebendige und lebensfreundliche Lebensentwürfe zu leben. Wir möchten kritisch sein und eine warme Fehlerkultur entwickeln.

    Oben haben wir vom „guten Leben für alle alle!“ gesprochen. Was könnte das sein? An Antworten darauf können wir uns nur herantasten. Aber wir wollen es herausfinden – ja, wir sind es am Herausfinden und haben gewisse Ahnungen, was es bedeuten könnte. Vielleicht fangen wir mit einer Frage an: Hei du, was brauchst du, um ein gutes Leben zu leben? Und vielleicht hat es damit zu tun, zu fördern, was die Vielfalt fördert und was Menschen und anderen Lebewesen fruchtbaren Lebensraum, eine hohe Lebensqualität und die Möglichkeit gibt, das eigene Leben in möglichst grosser Freiheit zu gestalten, ohne andere in ihrer Freiheit einzuschränken. Einander fürsorglich, mutig, selbstbewusst und auf Augenhöhe zu begegnen, im Bewusstsein, dass wir gleichzeitig sehr ähnlich und sehr verschieden sind.

    Und ja, ein gutes Leben für alle zu erkämpfen wird wohl damit zu tun haben, gegen alle Unterdrückungsformen einzustehen, wie sie in den momentan vorherrschenden ausbeuterischen, patriarchalen, kapitalistischen und kolonial-rassistisch Gesellschaftssystemen vorherrschen. Wir wollen andere Geschichten entwickeln und erzählen, als die, welche von Ausbeutung, Zerstörung, Gewalt und den Privilegien Weniger handelt. Ein offenes und inklusives Verständnis davon, wer oder was Aktivist*innen sind, soll uns auch dabei helfen, neue Geschichten zu schreiben, voneinander zu lernen und unsere Kämpfe für eine bessere Welt und ein gutes Leben für alle zu bündeln.